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Strukturwandel der Anerkennung im 21. Jahrhundert
Gefördert von der VW-Stiftung im Forschungsschwerpunkt “ Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften”
Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Axel Honneth, Prof. Dr. Klaus Günther, Prof. Dr. Peter Niesen, Prof. Dr. Werner Plumpe,
Dr. habil. Stephan Voswinkel, Prof. Dr. Thomas Welskopp
Anerkennung ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit. Gesellschaftliche Konflikte werden von den Beteiligten meist nicht nur als
Kämpfe um materielle Besserstellung beschrieben, sondern ebenso als Kämpfe um Anerkennung. Menschliches Sozialverhalten wird auch vom Bemühen motiviert, emotionale Zuwendung, Achtung, Respekt und individuelle
Wertschätzung zu erlangen. Die Erfüllung von Anerkennungsbedürfnissen ist eine notwendige Bedingung für die Ausbildung unbeschädigter intersubjektiver Beziehungen und personaler Identität.
Anerkennung lässt sich nicht als eine einheitliche Einstellung konzeptualisieren, sondern tritt in Form von mehreren
irreduziblen Varianten auf. Das Projekt geht von drei komplementären „Anerkennungssphären“ aus, denen drei verschiedene „Anerkennungsmodi“ entsprechen: In den Systemen von Recht und Politik wird ein
formalistisch-allgemeiner Anspruch auf Anerkennung realisiert; im Arbeits- und Berufsleben geht es um die Anerkennung von kollektiven Besonderheiten; in Familie und Partnerschaft sucht das Individuum Anerkennung
seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit.
In historischer Perspektive wird das komplexe, intern differenzierte System der Anerkennung als ein zentrales
Charakteristikum der abendländischen Moderne verstanden, das aus vielfältigen Ausdifferenzierungsprozessen einer einheitlichen Ehrsemantik hervorgegangen ist. Die Rekonstruktion seiner Historizität untersucht die
konkreten historischen Umbrüche seit 1750, auf die die Ausdifferenzierung der Anerkennungsbeziehungen reagiert hat, und bildet die Grundlage für zeitdiagnostische Analysen aktueller Veränderungen, die sowohl die
Sphärendifferenzierung als auch die in ihnen verwirklichten Anerkennungsformen betreffen. Die zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den jeweiligen sozialen Kontexten zu beobachtenden Funktionsverluste und
Anerkennungskämpfe können zur gesellschaftsdiagnostischen These gebündelt werden, dass das Gleichgewicht der sozialen Gewährung generalisierter und individualisierter Anerkennung, die die dreifache
Sphärendifferenzierung in der Moderne zu leisten beanspruchte, in Auflösung begriffen ist und innerhalb der jeweiligen Anerkennungssphären um eine neue Balance zwischen generalisierten und individualisierten
Ansprüchen gekämpft wird.
Dieser empirische, in seinen konkreten Ausprägungen zu untersuchende Befund wirft grundlegende Legitimationsfragen auf:
Welche normativen Ansprüche werden zu Recht, welche zu Unrecht erhoben? Welche sozialen Kämpfe sind auf genuine Verletzung und Missachtung zurückzuführen, welche überspannt oder verfehlt?
Das Forschungsprojekt bringt historiographische, juristische, soziologische und philosophische Fragestellungen in der
Erforschung einer zentralen Gegenwartskategorie zusammen. Dabei stellt es sich in die Forschungstradition der Kritischen Theorie. Gegenüber der in Frankfurt bisher geleisteten Anerkennungsforschung sind drei auch
methodische Neuorientierungen zu nennen: Erstens soll der methodische Zuschnitt des geschichtswissenschaftlichen Teilprojekts zeigen, dass die Appropriation eines komplexen Anerkennungsbegriffs auch aus dem Inneren
einer systemtheoretischen, auf das Verhältnis von Gesellschaftsstruktur und Semantik konzentrierten Perspektive heraus sinnvoll und historisch stichhaltig ist. Zweitens wird der in der bisherigen Forschung
unterbestimmt gebliebene Beitrag, den der Integrationsmodus des positiven Rechts zu gesamtgesellschaftlichen Anerkennungsverhältnissen leistet, herausgearbeitet. Drittens stellt der projektierte Entwurf eines
moralphilosophisch-präskriptiven Ansatzes einen ersten Schritt dar, die vielfach angemahnte Unterscheidung zwischen sozialphilosophischer Beobachtung und normativer Beurteilung in der Anerkennungstheorie zu
verankern.
Das Projekt ist unterteilt in drei große Teilprojekte. Das erste Teilprojekt beschäftigt sich mit der Sozialgeschichte der
Anerkennung; das zweite ist mit dem Strukturwandel der Sphären der Anerkennung zu Beginn des 21. Jahrhunderts, insbesondere in den Bereichen des Rechts, der Wirtschaft und der Arbeit, befasst; das dritte schließlich
erarbeitet deontologische Kategorien für eine normative Reflexion von Anerkennungsansprüchen.
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